READER

DISCUSSION DISKUSSION

Allows digital sound design (DSP) creative freedom?

DSP-Wundertüte: Ist technisch neu musikalisch besser?

 

Martina van der Gey's Painting: Free Painting

 

SCROLL DOWN

Claudius BRUESE (D)

KREATIVES SOUND-DESIGN.

Der Traum der Freiheit.

In: Keyboards (Magazine D), Aug. 1991 , p. 44-46.

ENGLISH VERSION

Könnte früher lediglich der Erstellungsprozess, also das Malen, Schreiben und Komponieren, auf beliebig lange Zeitscheiben verteilt werden, wurde nun auch der Prozess der Rezeption, vor allem der musikalischen Aufführung, in den Bereich der Nicht-Echtzeit katapultiert.

Da stehen wir nun also, mit all unseren technologischen Erungenschaften, können beliebiges Musikmaterial in unterschiedlichsten Spezialcomputern (Sampler, Effekte) vermengen und zu Neuem verschmelzen, bereits gefertigte Aufnahmen vollkommen verändern und jedes klangliche Ereignis so lange bearbeiten, bis es seinem genauen Gegenteil entspricht; aber was fängt man mit dieser ungeheuren, kreativen Freiheit an?

Statt sich über ästhetische Problematiken, über Musik und deren Inhalte Gedanken zu machen, bestimmt der Wunsch nach neuen, weiteren Produktionsmitteln den musikalischen (Studio-) Alltag. Mehr von allem ist gefordert, vor allem mehr Freiheit, alles machen zu können. Das Zauberwort heisst DSP (Digital Signal Processing). (...)

Aber was ist das: "alles"?

Gemeint ist vor allem die ständige Neudefinition des gerade vorhandenen Werkzeuges, sei es Klangerzeuger oder - manipulator. Doch die Gefahr, die man keinesfalls übersehen darf, liegt fatalerweise darin, dass nun die Definition des Werkzeuges auf einmal zum Inhalt der Kunst wird. Die Art, wie etwas formuliert wird, wird wichtiger als dessen Inhalt. Die Diskette wird wichtiger alsdie darauf befindlichen Daten.

Da gibt es kaum einen Homerecorder, der nicht ständig den Inhalt seines Studio gegen den neuesten Sound-Tuschkasten der Klangmaler - Gilde eintauschen möchte. Kaum eine CD-Produktion kommt ohne den neuesten Effektprozessor mit doppelter Rückführung und umgeschalltem Katalysator aus. "Technisch neu ist musikalisch besser", heisst unserer Circulus vitiosus.

Alles gipfelt schliesslich im DSP- Wunderkasten, der beliebige Identitäten annehmen und täglich neu vom Benutzer zusammengebaut werden kann. Heute mal schnell einen neuen Synthese-Algorithmus entwickeln, den wir morgen vom garantiert einmaligen Raumsimulations-Programm bearbeiten lassen. Wir wollen alle kleine Ingenieure sein, wie früher, als Onkel Hans uns den Kosmos-Kasten zum Studium der Elektrotechnik schenkte. Löten ist schliesslich auch eine Kunst.

Warten wir also nur, bis die Rechner endlich schnell genug und die Hersteller edlich schlau genug sind, um uns diesen Kasten ins wohnliche Musikzimmer zu stellen, und alle Wünsche lassen sich erfüllen? Der Traum der Freiheit - des Ausdrucks, des Klanges, der Musik - kann er dann endlich wahr werden?

Ich glaube nicht daran. Nicht wegen der fehlenden technischen Möglichkeiten oder der fehlenden Einsicht der Hersteller. Ich glaube nicht daran, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass auf einmal alle Synthesisten vollkommen neue, nie dagewesene Klänge im Kopf hören, deren Beschaffenheit sie "nur noch" ihrem DSP-Rechner beibringen müssen. Ich glaube nicht, dass man vom Käufer fertiger Soundprogramme über Nacht zum Entwickler komplexer Algorithmen werden kann. Ich glaube aber auch nicht, dass ungehörte neue Klänge im Kopf eines jeden von uns existieren. Klänge sind ausgesprochen schwer zu "denken", und auch genau so schwer zu artikulieren. (...)

Lassen Sie sich also nichts vormachen: DSP als solches eröffnet uns keine ungehörte Klangwelt. Erst die Erfindung entsprechender Algorithmen, also mathematischer / physikalischer Theoreme, kann die Entwicklung neuer Synthesearten möglich machen. DSP-Technologie vereinfacht diese Aufgabe sicherlich, genau so, wie ein Computer das Schreiben von Texten ungeheuer erleichtert. Der Text schreibt sich aber dennoch nicht von selbst - immer noch ist es der Autor, der dieWorte mühsam seinen grauen Zellen entlocken und formulieren muss. Genau so muss ein DSP-Algorithmus entwickelt werden - mit Erfahrung und spezifischem Fachwissen, meist nach Jahre der Forschung.

Darum gibt es auch keine vollkommen neuartigen Synthesizer auf jeder Messe zu sehen. Einen Algorithmus wie beispielsweise den zur Generieren von FM-Klängen erforscht man nicht an jedem Tag - und FM, nur als Randbemerkung, gab es schon lange vor der Einführung digitaler Schaltkreise. Sie können sich also vorstellen, dass es Ihnen ausgesprochen schwer fallen dürfte, etwas radikal Neues mit Ihrer DSP-Wundertüte auszutüfeln. Viel Ingenieure arbeiten bei den Instrumenten-Herstellern ausschliesslich daran, das Neue zu suchen.

Wäre es überhaupt erstrebenswert, ständig neue Algorithmen, Verschaltungen und Anwendungen zur Verfügung zu haben? Hilft uns das, bessere Musik zu machen?

Ich glaube, der Ansatz zur Weiterentwicklung elektronischer Klangerzeuger muss heute weniger auf der gequälten Suche nach dem neuen Algorithmus fussen (oder oftmals auch nur eines neuen Algorithmus-Namens), als vielmehr in der Bereitstellung einer einfachen und konsequenten Bedienung bestehender Synthese-Verfahren.

Neulich erst habe ich eine Produktion mit einem Test-Probanden gemacht, dessen Tonerzeugung wirklich nicht revolutionär ist, der sich aber recht gut bedienen liess. Insbesondere der spontane Eingriff in Klangverläufe war durch eine grosse Anzahl an Bedienelementen möglich. Die Môglichkeit, einfach und schnell verschiedene Klänge umprogrammieren zu können, hat mir eine weitaus differenziertere Klanggestaltung erlaubt, als dies mit einem "modernen" Bedienfeld mit Display und einem Eingaberegler möglich ist. Eine gewisse Intuition, die sich im Laufe der Jahre herausbildet hat, kann erst dann sinnvoll zum Einsatz kommen, wenn eine Bedienerführung sich nicht in den Weg stellt - oder gar stemmt. (...)

Eine der eindrucksvollsten Begegnungen mit dem Ausschöpfen von Klangfarben und -erzeugern hatte ich vor einigen Jahren in einem Konzert mit neuer elektronischer Konzertmusik. Die Klänge, die ich gehört habe, habe ich nie vorher noch seitdem gehört. Ein einzelner Musiker spielte sie, ohne Sequenzerbegleitung, ohne multitimbrale Expander, ohne Poly-Pressure oder Analoge Filter auf einem bereits damals überholten DX7.

Aber immer noch fräst sich das Gespenst der unzureichenden Parameter und Funktionen seinen Weg in unsere Holzköpfe. Das ist nur wahr, wenn das Werkzeug wichtiger ist als der Inhalt; ein guter Inhalt lässt sich mit unterschiedlichsten Mittlen und Methoden transportieren, ein Werkzeug hingegen hat nur sich selber. Wir sollten uns mehr auf die Musik und deren Inhalte konzentrieren, als nur nach dem ewig neuen Sound zu schielen. Denn neu und aufregend ist jeder Klang, egal wie frisch oder überholt, nur dann, wenn er am richtigen Ort zur richtigen Zeit eingesetzt wird - und das nennt man Komposition.

 

back to TOP

to READER-index

to GENERAL INDEX

 

ENTER INTO DISCUSSION WITH THE MUSICAND-COMMUNITY

E-mail: MusicAnd(< click)


All rights © MusicAnd P.Timmermans

This page belongs to: http://www.musicand.multimania.com/